Ein Weg auf die lange Strecke - Distanzreiten bis 160 km

15. Mai 2020 Distanzreiten

Beim Weg auf die lange Strecke über 81 Kilometer gibt es keine Abkürzung. So erstreckte sich mein Weg über Jahre bis zum Ziel - ein Mal die 160 km zu reiten. 

Ich habe kein typisches Distanzpferd für die lange Strecke, sondern eine Warmblutstute. Vor neun Jahren bin ich das erste Mal, ohne spezielle Vorbereitung, einen KDR über 42 km gestartet.
Meine Stute hatte damals durch klassische Dressur- und Springturniere und viel Geländereiten eine gute Grundkondition. Was aber viel wichtiger ist - eine sehr große Lauffreude und Ehrgeiz. Das Distanzreiten, die lange Zeit welche man mit seinem Pferd in der "Prüfung" verbringt, hat etwas in uns beiden berührt, dass wir seit diesem Ritt nie mehr in der Springparcours zurück sind.

Im ersten Jahr sind wir erfolgreich in der Wertung auf zwei KDR gestartet. Über den Winter habe ich meine Stute mit Ausritten und etwas Dressurarbeit locker am Laufen gehalten. Im zweiten Jahr sind wir im Frühjahr noch einen KDR gestartet und dann im Sommer und Herbst je einen MDR über 64 bzw. 66 Kilometer.
Im Sommer zeigte sich dann auch die Grenzen von meinem Sattel auf. Für die mittlere Streckenlänge war die Passform nicht gut, so dass ich über den Winter einen neuen Sattel suchte. Es ist der Prestige GP2, ein Vielseitigkeitssattel, geworden der bis heute sehr gute Dienste leistet.

Mond mit Wolken


Nach und nach wurde auch der Rest des Equipments auf die langen Distanzen umgestellt. Die Sattelpads wurden dicker, die Ledertrense gegen pflegeleichtes Biothanematerial getauscht und die Sattelgurte von Neopren über Lammfell zu orthopädischem Hohlfaserflor gewechselt.

Die Hufbearbeitung rückte neben der Fütterung in den Fokus, um den Körper auf die bevorstehenden Aufgaben vorzubereiten. Denn die Hufe sind im Distanzsport ganz besonderen Belastungen und Herausforderungen ausgesetzt. Meine Stute hatte keine einfachen Hufe, die durch falsche Bearbeitung zum Zwanghuf mit ständiger Strahlfäule mutiert sind. Nach konsequenter Umstellung der Hufbearbeitung und des Beschlags auf Kunststoff sind die Hufe nun nach Jahren in einem sehr guten Zustand, von dem ich nicht dachte das wir es erreichen könnten.
Kein Mittel auf der Welt kann etwas gegen Strahlfäule, brüchige Wände oder gammeliges Horn erreichen wenn die Hufbearbeitung nicht stimmt. Seit einigen Jahren bearbeite ich die Hufe meiner Stute selbst, das Wissen dazu habe ich mir in einem Hufkurs bei Martin Bösel angeeignet. Ich kann so einem Kurs jedem empfehlen, auch wenn man nicht in Zukunft vorhat die Hufe eines Pferdes zu bearbeiten, so ist das Wissen um die korrekte Bearbeitung Goldwert. Es wird der Blick auf den Huf in Zusammenspiel mit dem Körper geschärft.
Das Thema Fütterung ist zu individuell von jedem Pferd abhängig als das ich da ins Detail eingehen möchte. Nur eines dazu - weniger ist manchmal mehr.
Die ersten Jahre war unser Trainingsgelände eher flach mit leichten Steigungen. Nach einem Stallwechsel ins Gebirgsvorland, änderte sich das Geläuf in fast ausschließlich feste Wege und teilweise sehr bergigem Gelände. Dies habe ich als Vorteil empfunden, da wir in kürzerer Zeit in den Bergen mehr Trainingsreize setzen können. Die Kondition wurde von uns beiden deutlich besser. Meine Stute steckt Berge mittlerweile locker weg und auch ich bin durch gemeinsame Spaziergänge besser trainiert. Man sollte bei all dem Training vom Pferd nämlich nie sich selbst vergessen. Oft fehlt für Ausgleichssport einfach die Zeit, so ist es auch bei mir. Neben der Arbeit mit dem Pferd halte ich mich mit Spaziergängen mit meinem Hund fit.

Im dritten Jahr war es dann endlich soweit - wir wollten das erste Mal auf der langen Strecke starten. Das Training wurde nun etwas genauer auf den Sommer eingestellt. Überwiegend Ausritte im Wechsel mit Dressur und Longenarbeit standen auf dem Programm, aber am wichtigsten waren die Pausen! Pause heißt bei uns Freizeit auf Koppel oder Spaziergang. Außerdem sind wir als Vorbereitung einen Mehrtagesritt über 128 km gestartet. Ich bin dann im Sommer 81 km und im Herbst 95 km mit einem hoch motivierten Pferd geritten.

Im darauffolgenden Jahr kam wieder ein kleines Highlight für uns hinzu - die ersten 120 km. Gestartet als Trainingsritt auf einem KDR über 49 km sind die nächsten vier Ritte in diesem Jahr alles LDR gewesen. Aufgrund der vielen langen Ritte hat sich unser Trainingstagebuch in diesem Jahr sehr gewandelt. Nun waren ein großer Teil der Einträge freie Tage und immer wieder gezielte Trainingsritte, Dressur und Training übersteigende Wettkampfkilometer. Im Juli dann die 120 km im für uns angenehmen Tempo von 13,79 km/h. Danach 1 1/2 Monate ruhige Erhaltung und zum Abschluss des Distanzjahres, Mitte September, ein Ritt über 86 km. Auch hier zeigte sich meine Stute in top Verfassung und wurde neben dem 2. Platz mit dem Best Condition ausgezeichnet.

Das fünften Distanzjahr war mit einem MDR über 70 km und drei LDR bis 120 km ähnlich dem vorangegangenem. Wir haben dieses Jahr genutzt um weiter Erfahrung zu sammel, neues Equipment zu testen und das Training zu optimieren. Im Frühjahr konnten wir an einem Lehrgang von Sian Griffiths teilnehmen. In diesem standen feines Reiten in der Dressurarbeit und am Hang auf dem Programm. Außerdem ein Stufentest, um den aktuellen Konditionszustand zu ermitteln. Gerade das feine reiten im Alltag und im Wettkampf ist ein Aspekt, der mir sehr wichtig ist. Ich habe einige Anregungen mitgenommen und in der Zukunft umgesetzt. Die Arbeit am Hang war spannend und die Tipps nutze ich bis heute.

Zum Anfang des Sommers ging es gemeinsam mit einer sehr guten Freundin auf meinen ersten Wanderritt über vier Tage von Brandenburg bis ans Stettiner Haff. Die Tagesstrecken habe ich vorab mit dem Garmin Base Camp geplant und versucht angenehme Routen zu finden. Was auf der Karte als schöner Weg gezeichnet stellte sich ein manches Mal als Herausforderung da. So wurde ein laut Karte durchgehender Weg plötzlich von einem Wassergraben mit steilen Wänden durchkreuzt und der Weg führte über eine extrem schmale Brücke, in beängstigend schlechtem Zustand und ohne Geländer. Der Stein welcher nach dem überqueren der Brücke von unseren Herzen fiel war bis ans Haff zu hören. Aber überwiegend sammelten wir fantastische Ansichten der Natur, wunderschöne Aussichten und eine Menge Erfahrungen, welche auch auf Distanzritten zum Tragen kommen.

Im sechsten Jahr war es endlich so weit. In Vorbereitung auf unser Saisonziel Mitte Juli haben wir wieder viel Training über Wettkämpfe absolviert. Mit zwei MDR über 69 und 65 km und zwei LDR über 94 und 84 km fühlten wir uns sehr gut vorbereitet. Das Wetter spielte mit und bescherte uns ein Sonne-Wolkenmix bei 16 Grad - unser ideales Reitwetter. Gedanklich reite ich von Pause zu Pause und beobachte meine Stute immer genau, um schnell auf Veränderungen zu reagieren. An diesem Tag lief sie hoch motiviert, aber nicht zu übereifrig als wüsste sie, dass es etwas weiter gehen könnte. Wir ritten die 160 km in netter Begleitung mit einem Tempo von 11 km/h. Dabei trabten und galoppierten wir nur auf sehr guten Wegen, alle anderen und vor allem Asphalt gingen wir im Schritt. Jede Wasserstelle wurde genutzt und jede Pause in Ruhe begangen. Nach 14 Stunden und 26 Minuten reiner Reitzeit waren wir überglücklich im Ziel. Der Ritt hatte 6 Pausen mit einer Pausenzeit von gesamt 4 Stunden. Ganz wichtig war für mich die Nachsorge über die nächsten Wochen. Viel Entspannung, Gymnastizierung und lockere Ausritte bestimmten den Alltag. Zum Abschluss dieses Jahres sind wir mit Freunden zwei Monate später einen entspannten Mehrtagesritt über 3 Tage gegangen. Bis zu dieser Zeit haben wir uns 2233 Wettkampfkilometer ohne Ausfall und bei jedem Wetter erritten.

Im Winter danach habe ich viel die Ritte und die Zeit dazwischen reflektiert. Alle guten Dinge ins Gedächtnis gerufen und alle Fehler bewusst gemacht. Nur so konnte ich meine Stute noch besser auf die Jahre danach vorbereiten. Wir haben bis heute 3262 km zusammen bewältigt. Deutsche Meisterschaften in der Wertung beendet und sind Vizelandesmeister geworden. Meine Stute ist nun 16 Jahre und kein bisschen müde. Ich denke es war richtig sich die Zeit zu nehmen und ihr Tempo zu finden. Ich hoffe auf noch ein paar weitere Jahre im Distanzsport mit ihr und freu mich schon auf die Ritte, die noch kommen.

Zum Abschluss - es führen viele Wege nach Rom, sagt man und so ist es auch beim Distanzreiten. Jeder sollte seinen Weg finden, um sein persönliches Ziel zu erreichen und nie die Freude aus den Augen verlieren. Zu viel Ehrgeiz steht dem im Weg, hier ist ein gesundes Maß zu finden, um sein Partner Pferd und sich glücklich zu machen.

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